Die Zeiten ändern sich

Come gather around people, wherever you roam
And admit that the waters around you have grown
And accept it that soon you’ll be drenched to the bone
If your time to you is worth savin‘
Then you better start swimmin‘ or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin‘

Falls es noch niemand gemerkt haben sollte: die Zeiten ändern sich. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern schon eine Weile lang.

Viele von uns scheinen diese Tatsache aber mit einer Inbrunst sondergleichen schlicht nicht wahrhaben zu wollen. Zugegeben: es findet keine tektonische Plattenverschiebung statt, wir leben nicht von heute auf morgen auf einem – politisch gesehen – gänzlich anderen Kontinent. Trotzdem muss man im Gesamten feststellen: Das Jahr 2018 starten wir bundesweit mit 20%, vor 20 Jahren beendeten wir das Jahr mit 40%.

Konsequenzen daraus? Erschreckend wenige.

Für mich schockierend wird hier in Schleswig-Holstein im Leitantrag zum SPD-Landesparteitag von der Ausdünnung ehrenamtlicher Strukturen bis hin zur offensichtlich völligen Undurchführbarkeit jeglicher Wahlkämpfe gesprochen. Selbst sind mir in den letzten zwei Jahren die eine oder andere Zusammenlegung von Ortsvereinen in Erinnerung. Die daraus gezogenen Konsequenzen? Eher mager: Eine noch linkere Ausrichtung, ein neues Grundsatzprogramm und Schulungen für verbliebene Mitglieder werden da gefordert. Ansonsten möge man beim Thema „Gerechtigkeit“ bleiben – zwei Wahlniederlagen mit genau diesem Thema, in relativ kurzer Folge, scheinen noch nicht gereicht zu haben.

Ernsthaft: Das überzeugt nicht, es ist meines Erachtens deutlich zu wenig, bleibt wolkig, unkonkret – und weist den völlig falschen Weg.

Parteien leben vom Engagement vor Ort und vom Vertrauen der Menschen.

Wenn uns Strukturen nun abhanden kommen und damit Menschen, von deren Engagement und gesellschaftlichen Verbindungen wir Sozialdemokraten leben und wir offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, noch genügend Leute vor Ort zu aktivieren, dann müssen wir genau dahin und für die Menschen attraktive, neue und offene Mitwirkungsmöglichkeiten auf allen Ebenen, analog wie digital, schaffen. Ansonsten sägen wir mit Nachdruck an dem Ast, auf dem wir sitzen und der uns in der Gesellschaft verankert.

Diese Mitwirkung muss konkret sein – wolkige Allerweltsformulierungen einer sozial gerechten Welt oder ein literarisch hochwertiges Grundsatzprogramm wirken kaum, wer aber Parteiarbeit für viele gut erreichbar macht – analog wie digital -, der zeigt, daß wir verstanden haben und den Menschen, mit neuen Ideen, wieder in den Mittelpunkt rücken. Das wird sich auszahlen.

Ortsvereine sind zur Zeit oft mehr Verein als daß sie im Ort stattfinden, man trifft sich allzu oft mit altbekannten, langjährigen Weggefährten – und neue Gesichter haben es bei Fragen wie „Was macht der Nachwuchs?“ und „Wie war der letzte Urlaub?“ schwer, Anschluss zu finden. Dazu trifft man sich meist in vom Rest der Gaststätte abgetrennten Räumen – wenn man als Neuling also nicht selbst genau dahin will, findet Parteileben, findet die SPD öffentlich nicht statt.

Die übergeordnete Ebene, Kreisverbände und Unterbezirke, erlebt man oft als kleine Behörden mit undurchsichtigen „Abteilungen“ in Form lange untereinander bekannter persönlicher Beziehungen, inklusive einem umfangreichen Regelwerk offensichtlicher und versteckter, aber stets einzuhaltender Verfahrenswege. So kann es sein, daß die eigene Idee erst dann behandelt wird, wenn vorab alle Fragen nach dem „Wer hat das in welchem Tonfall mit welcher Absicht wann wem vorgeschlagen?“ positiv beantwortet werden. Ob wir uns das noch leisten können? Ich bezweifle es.

Inwieweit solche Wege und der Charme eines Einwohnermeldeamts, in dem man einen Passierschein A 38 beantragen muss zu engagierter Mitarbeit verführt, bleibt wohl für Neumitglieder und engagierte Bürger ein Geheimnis (Behördenmitarbeiter ausgenommen).

Oberstes Ziel parteiinterner Neustrukturierung sollte sein, Voraussetzungen zu schaffen, die direkt, einfach und effizient Arbeit vor Ort möglich machen. Dabei sollten analog und digital Hand in Hand gehen. Mitglieder, die nicht vor Ort sind, kann man über kostenfreie Dienste wie Slack auf dem Laufenden halten (und deren Fragen in Sitzungen weitergeben bzw. beantworten). Wer kann, könnte ja – gerade bei großen Landkreisen – Vorstandsmitglieder per Skype zuschalten. So überwindet man räumliche und zeitliche Distanzen und macht die SPD erlebbar, auch für Mitglieder, die es bis 19:30 Uhr zwar von der Schicht nach Hause, aber nicht mehr in die 60 km entfernte Geschäftsstelle schaffen.

Die Zeiten, ja: sie ändern sich. Wir sollten uns intern darauf einstellen – aber nicht nur. Die weitaus größere Aufgabe steht uns nach außen bevor:

Wir müssen Vertrauen aufbauen und verlorenes wiedergewinnen.

Das wird kein 100-Meter-Lauf und auch kein professionell geplanter Hochglanzwahlkampf, den man in 6 Monaten durchzieht und den wir jetzt dreieinhalb Jahre konzipieren könnten.

Es ist ein Marathon.

Es ist wirkliche Öffentlichkeitsarbeit. Arbeit mit und für die Öffentlichkeit. Die SPD muss erfahrbar werden für die Menschen – im täglichen Leben. Als Ansprechpartner, als Stammtisch, mit Büros in Stadtteilen, mit Veranstaltungen und Mitgliedern, die in Vereine vor Ort hineinwirken. Höchstwahrscheinlich auch mit guter, witziger und hochwertiger Werbung.

Die SPD muss mit jeder Faser als offene, auf Austausch ausgelegte Partei in Erscheinung treten – und zwar da, wo es sozialdemokratische Selbstverständlichkeit ist und wo man uns auch lange Jahre erwartet hat: nicht zuvorderst in Vorstandsetagen und akademischen Zirkeln, sondern beispielsweise in sozialen Brennpunkten. Wir müssen zum Anwalt der Leute werden, Ängsten zuhören (sie nehmen, wo möglich) und für jedermann erreichbar sein, eben: durch und durch Volkspartei. Wir sollten als Menschen, die für unsere Mitmenschen unsere Gesellschaft zum Besseren verändern, auftreten. Weg vom Image einer beinharten, unsozialen SPD wie sie noch immer in vielen Köpfen herumspukt – hin zu einer den Menschen zugewandten, stets gesprächsbereiten, sozialen Partei. Mit Persönlichkeiten und Köpfen voller Charakter – nicht nur an der Spitze, sondern überall. Klüngelrunden müssen der Vergangenheit angehören.

Zugegeben: jeder setzt seine Standpunkte anders, der eine ist Wirtschaftsfragen zugeneigter, der andere sorgt sich mehr um die Verringerung von Armut. Was uns alle aber eint (und weiß Gott keine Werbefloskel sein darf): ausnahmslos alle sind wir Sozialdemokraten.

Bei all unseren Gesprächen, all unseren Debatten, dem Zuhören, dem Richtigstellen falscher Annahmen, dem Erklären und dem Angst nehmen mit dem Ziel, Vertrauen wieder zu erlangen muss der Mensch im Mittelpunkt stehen – und unser Ziel, diese Welt für genau den Menschen vor uns im Rahmen unserer Möglichkeiten sozial, frei von Angst und lebenswert zu gestalten.

Stellten wir die nunmehr fast schon unendliche Geschichte um die Agenda 2010 unter diesen Kompass – mit dem Hinweis, nicht alles lief perfekt (andere arbeiteten damals ja auch zu), sollte uns eine innere Aussöhnung mit uns selbst gelingen. Und damit beste Voraussetzung, den mal mehr, mal weniger, aber immer schwelenden Konflikt zwischen links und rechts in der Partei zu befrieden. Man vertraut einer Person, die mit sich selbst im Reinen ist – nicht aber jemandem, der innerlich zerrissen ist und mit sich selber ringt.

Erst wenn wir selbst begreifen, daß wir nur dann fliegen können, wenn wir sowohl sozial als auch wirtschaftsnah zugleich sind, wenn wir die Sozialdemokratie als Mosaik vieler mit unterschiedlichen Schwerpunkten – stets der Zukunft zugewandt – verstehen, erst dann werden wir tatsächlich wieder fliegen.

Ob ein linkes Bollwerk mit klassenkämpferischem Sound uns da mit Parolen zur Überwindung von Ungerechtigkeiten den rechten Weg weist, wage ich zu bezweifeln.

Ob ein braver, rechter, wirtschaftsnah aufgestellter Verein mit Arbeitgebersound und Kompromissen uns da mit Statements über „linke Spinnereien“ den rechten Weg weist, wage ich zu bezweifeln.

Nur vereint sind wir stark.

Martin Schulz sollte man jetzt erst mal machen lassen – und nicht jede Personalentscheidung schon vorab durch den Fleischwolf drehen. Wer erst seit 10 Monaten am Ruder ist, von dem sollte man nicht erwarten, eine Partei von den Grundfesten hinauf in wenigen Monaten zu erneuern.

Auf Landesebene, wo Personen seit knapp 10 Jahren in Amt und Würden sind ist es hingegen vielleicht ja eine Frau, die überzeugt – als engagierte Persönlichkeit, den Menschen freundlich zugewandt – (und die nicht aus einem der beiden allseits bekannten „Ställe“ kommt) und daher in diesem Moment vielleicht die bessere, weil gänzlich neue Idee?

Neues Denken.
Neue Ideen.
Neue Persönlichkeiten.

Wir sollten zugeben, daß das Wasser um uns herum gestiegen ist und akzeptieren, daß wir bald bis auf die Knochen durchnässt sind. Wenn unsere Zeit uns was wert ist, sollten wir jetzt anfangen, zu schwimmen – oder wir werden wie ein Stein sinken.

Ja – die Zeiten, sie ändern sich.